Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Sucht

85 statt 57 Drogentote: Kölner Hochschulen fordern Ursachenarbeit

Vor dem Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende legen katho und TH Köln Ergebnisse zum Neumarkt vor. Die Zahl der Drogentoten liegt fast 50 Prozent über dem Wert vor der Pandemie.

Amira Yılmaz, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Amira Yılmaz
Aktuelles & Stadt

Lesezeit 6 Min.
Menschenleerer Platz bei Regen mit kahlen Bäumen, Bänken und Straßenbahngleisen, gesäumt von Gebäuden mit Arkaden
Die offene Szene konzentriert sich in Köln auf innerstädtische Plätze wie den Neumarkt. Zwischen 2021 und 2025 starben im Bereich des Kölner Polizeipräsidiums im Schnitt 85 Menschen pro Jahr an Drogen – fast 50 Prozent mehr als vor der Pandemie. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Zahl der Drogentoten im Bereich des Kölner Polizeipräsidiums liegt deutlich über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Darauf hat die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) am Montag, 20. Juli 2026, hingewiesen – einen Tag vor dem Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende. Zwischen 2016 und 2020 starben in Köln und Leverkusen im Durchschnitt 57 Menschen pro Jahr an Drogen, zwischen 2021 und 2025 waren es im Schnitt 85. Das entspricht einem Anstieg von fast 50 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem Auswertebericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 für das Polizeipräsidium Köln.

Ulrich Frischknecht, Suchtpsychologe und Professor an der katho, fordert, stärker an den Ursachen der Verelendung von Drogenkonsumierenden zu arbeiten. Er verweist zugleich auf die begrenzte Aussagekraft der Statistik. Erfasst wird nur, was polizeilich als Drogentod registriert wird; Todesfälle mit mehreren Ursachen oder späte Folgeschäden tauchen dort nicht zuverlässig auf. Der Sprung zwischen den beiden Fünfjahreszeiträumen ist nach seiner Einschätzung dennoch zu groß, um ihn mit Erfassungsfehlern zu erklären.

Wichtig für die Einordnung ist der Zuschnitt der Statistik. Erfasst wird der Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Köln, und der umfasst neben der Stadt Köln auch Leverkusen. Eine reine Kölner Jahreszahl lässt sich aus dem Auswertebericht daher nicht herauslesen. Der Vergleich, den die katho anstellt, bezieht sich auf zwei Fünfjahreszeiträume vor und nach der Corona-Pandemie – ein Verfahren, das einzelne Ausreißerjahre glättet und deshalb belastbarer ist als der Vergleich zweier Kalenderjahre.

„Die Erfassung der Drogentotenstatistik ist unglaublich ungenau, aber bei derartigen Sprüngen müssen wir davon ausgehen, dass es nun tatsächlich mehr Drogentote gibt als vor der Pandemie.“

Ulrich Frischknecht, Suchtpsychologe an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen

Zwei Hochschulen, eine Studiengruppe, fünf Punkte

Anlass der Mitteilung war ein Treffen am Freitag, 17. Juli 2026, in der Kreissparkasse Köln-Bonn. Dort stellte eine Studiengruppe der Köln International School of Design (KISD) an der TH Köln ihre Ergebnisse vor. Geleitet wurde die Gruppe von Birgit Mager und Katja Trinkwalder, beide TH Köln, sowie von Anastasia Bondar von der Stadt Köln. Diskutiert wurde mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Köln und der Suchthilfe Köln über Probleme und Lösungen für den Neumarkt und weitere Hotspots der Drogen- und Obdachlosenszene.

Schlafsack und Pappkartons in einem überdachten Hauseingang
Housing first: Erst die Wohnung, dann alles andere – so lautet eine der fünf Empfehlungen. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Studierenden legten fünf Punkte vor, die aus ihrer Sicht für eine ursachenorientierte Strategie nötig sind. Sie stellen damit weniger eine Forderungsliste als eine Reihenfolge auf – die Wohnung zuerst, die Behandlung danach.

  • Housing first: Zuerst muss eine dauerhafte eigene Unterkunft bezogen werden können, erst danach werden die übrigen Probleme angegangen.
  • Niedrigschwellige Hilfsangebote, die den Menschen auch würdevolle und stolz machende Erfahrungen ermöglichen.
  • Beteiligungskonzepte mitdenken: nicht nur über, sondern mit obdachlosen Drogenabhängigen sprechen.
  • Hilfsangebote für die Betroffenen attraktiv machen, damit sie auch angenommen werden.
  • Möglichkeiten für drogenfreie Gemeinschaftserfahrungen schaffen.

Methodisch ist der Beitrag der Köln International School of Design ungewöhnlich für ein Suchtthema. Service Design fragt nicht zuerst, welche Maßnahme wirkt, sondern wie ein Angebot aus Sicht derjenigen aussieht, die es nutzen sollen. Die Studierenden haben nach Darstellung der katho immer wieder versucht, sich in obdachlose Drogenkonsumierende hineinzuversetzen, und dabei die eigenen Privilegien mitbedacht. Frischknecht bezeichnet diese an der Menschenwürde orientierte Herangehensweise als das, was ihn an der Zusammenarbeit gerührt habe.

Der Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende wird jährlich am 21. Juli begangen. Getragen wird er von Einrichtungen der Drogenhilfe, von Selbsthilfegruppen und von Angehörigen, die an diesem Tag an die Verstorbenen erinnern. Für Fachleute wie Frischknecht ist er zugleich der Anlass, im Sommerloch eine Debatte zu führen, die im übrigen Jahr meist von Ordnungsfragen überlagert wird.

Housing first gibt es in Köln bereits, allerdings nicht in ausreichendem Umfang: Die Kosten sind hoch, die Haushaltslage der Stadt ist angespannt. Die Studierenden haben nach Angaben der katho ausgerechnet, welche Ersparnisse möglich wären, wenn die Stadt über entsprechende Immobilien verfügte. Konkrete Beträge nennt die Hochschule dazu nicht. Auch menschenwürdige und partizipationsgestützte Obdachlosenhilfe existiert in Köln – etwa das Projekt Gulliver, das Birgit Mager als Professorin für Service Design mitentwickelt hat und das zu ihren ersten Arbeiten gehörte. Dass sie sich kurz vor ihrer Emeritierung erneut mit dem Thema befasst, sagt einiges über dessen Dauer.

Die Stadt beteiligt parallel die Öffentlichkeit am Perlengraben

Seminarraum mit Pinnwand voller Karteikarten und Klebezetteln
Die Studiengruppe der Köln International School of Design arbeitete monatelang an dem Projekt. · Symbolbild (KI-generiert)

Zeitlich parallel läuft ein Verfahren der Stadtverwaltung. Am Donnerstag, 16. Juli 2026, kam der Dialog-Tisch zum geplanten Suchthilfezentrum am Perlengraben erstmals zusammen, ein Baustein des vom Rat beschlossenen Beteiligungskonzepts. Teilgenommen haben unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der Anwohnenden, der Schulen, der Verwaltung und der Politik. Das Gremium hat beratende Funktion und begleitet unter anderem das Sicherheits- und Sauberkeitskonzept. Seine Ergebnisse werden auf dem städtischen Beteiligungsportal veröffentlicht, wie die Stadt Köln mitteilte.

Seit Freitag, 17. Juli, und noch bis einschließlich Sonntag, 9. August 2026, können sich alle Bürgerinnen und Bürger digital an der sogenannten Lokalen Agenda beteiligen. Dieses Steuerungsinstrument soll komplexe Problemlagen im öffentlichen Raum systematisch erfassen, Maßnahmen entwickeln und deren Umsetzung nachvollziehbar halten. Der Dialog-Tisch soll künftig regelmäßig tagen und sich jeweils einem Themenschwerpunkt widmen.

Frischknecht setzt auf einen ungewöhnlichen Verbündeten

Bei einem der fünf Punkte lässt sich der Umsetzungsstand in Köln konkret benennen. Housing first existiert, aber die Zahl der verfügbaren Wohnungen bleibt hinter dem Bedarf zurück, weil Immobilien teuer sind und der städtische Haushalt angespannt ist. Die Studierenden haben nach Angaben der Hochschule dargestellt, welche Einsparungen möglich wären, wenn die Stadt über eigene Bestände verfügte. Diese Rechnung ist bislang nicht veröffentlicht; ohne sie bleibt der Vorschlag politisch schwer zu beziffern.

Bemerkenswert ist auch, wer am Freitag mit am Tisch saß. Neben den Hochschulen waren Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Köln und der Suchthilfe Köln anwesend – also jene Stellen, die die Kritik der Studierenden unmittelbar betrifft. Nach Darstellung der katho stellten sie sich den Problemanzeigen, ohne sie herunterzuspielen. Das ist bei Veranstaltungen dieses Formats nicht selbstverständlich und erklärt, warum der Suchtpsychologe seine Kritik ausdrücklich an die Politik und nicht an die Verwaltung richtet.

Bemerkenswert ist, wo der Suchtpsychologe Anlass zu vorsichtigem Optimismus sieht: bei der neu gegründeten IG Neumarkt, einem Interessenverband aus der Immobilienwirtschaft. Deren Mitglieder hätten ein eigenes Interesse daran, die Lage am Platz zu verändern, und könnten Verantwortung für die sozialen Probleme der Immobilien übernehmen. Ob dieser Verband tatsächlich Mittel oder Flächen einbringt, ist bislang nicht öffentlich hinterlegt. Frischknecht kritisiert zugleich einen Reflex der Politik, Probleme erst dann zu benennen, wenn Lösungen bereits vorliegen.

„Wenn wir Probleme nur benennen dürfen, wenn wir auch schon Lösungen haben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die unter den Teppich gekehrten Probleme immer größer werden.“

Ulrich Frischknecht, Suchtpsychologe an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen
Fassade eines Beratungsgebäudes mit geöffneter Eingangstür in Köln
Die Stadt plant am Perlengraben ein Suchthilfezentrum und beteiligt dazu die Öffentlichkeit. · Symbolbild (KI-generiert)

Die katho zählt mit 3.800 Studienplätzen zu den bundesweit größten Hochschulen für den Studiengang Soziale Arbeit und ist die größte staatlich anerkannte Hochschule in kirchlicher Trägerschaft. Rund 5.200 Studierende sind derzeit in etwa 35 Bachelor- und Masterstudiengängen an den vier Standorten Aachen, Köln, Münster und Paderborn eingeschrieben. Die Hochschule arbeitet nach eigenen Angaben unter anderem in den Feldern Sucht und Suchtprävention sowie soziale Psychiatrie.

Was die Hochschule mit ihrer Mitteilung erreichen will, benennt sie offen: Sie wirbt für eine ursachenorientierte Strategie statt für Verdrängung. Die Studierenden hätten erkannt, dass die Problemlagen so komplex und vielfältig seien, dass einfache Lösungen nicht nur menschenfeindlich, sondern auch wirkungslos wären, gibt die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Frischknecht wieder. Für den Neumarkt bedeutet das eine unbequeme Botschaft an alle Beteiligten: Ohne Wohnraum, ohne Beteiligung und ohne Angebote, die tatsächlich angenommen werden, ändert sich an der Lage auf dem Platz wenig.

Das Thema ist in Köln auch politisch präsent. Im Juni 2026 sprach Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) auf Einladung des Kölner Presseclubs in der Kreissparkasse Köln-Bonn – in demselben Haus, in dem einen Monat später die Studierenden ihre Ergebnisse vorstellten. Offen ist, ob und wie die fünf Punkte der KISD-Gruppe in die Lokale Agenda für den Perlengraben einfließen. Der nächste Termin im Verfahren ist das Ende der Online-Beteiligung am 9. August 2026.

Quellen und Weiterlesen
Amira Yılmaz, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Amira Yılmaz
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Lokaljournalistin durch und durch: Ratspolitik, Verkehr, Stadtentwicklung und alles, was Köln bewegt. Zusätzlich zuständig für Sehenswürdigkeiten und Tourismus.
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