Ein Euro pro Ticket: Wie Kölns große Bühnen die kleinen stützen sollen
Seit April steht das Modell: 28 Kölner Spielstätten wollen 1 Euro je Ticket in einen Fonds legen, aus dem kleine Bühnen bis zu 2,50 Euro zurückbekommen. Umgesetzt ist es bis heute nicht.
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Es ist 20.30 Uhr, Einlass im Palladium in Mülheim, die Schlange reicht bis auf den Vorplatz. Wenn es nach der Kölner Klubkomm geht, liegt auf jedem dieser Tickets künftig 1 Euro obendrauf – und der bleibt nicht im Haus. Er soll in einen gemeinsamen Fonds fließen, aus dem Bühnen gestützt werden, für die 200 verkaufte Karten ein guter Abend sind. Club Euro heißt das Modell. Es ist der ehrgeizigste Versuch der Kölner Clubszene seit Jahren, sich selbst zu finanzieren – und er hängt gerade an einer Schnittstelle.
Vorgestellt wurde der Club Euro am 16. April 2026 während des Branchentreffs der c/o pop in Köln. Das Prinzip ist schnell erzählt: Auf Konzerte und konzertähnliche Veranstaltungen wird eine solidarische Ticketgebühr von 1 Euro aufgeschlagen, große Spielstätten geben ab, kleine holen sich Geld heraus. 28 Spielstätten haben zugesagt. Getragen wird die Initiative von der Klubkomm, dem Interessenverband der Kölner Clubs und Veranstalterinnen und Veranstalter, dessen Vorsitzende Paulina Rduch selbst zwei Häuser betreibt: Zum goldenen Schuss und Bumann & Sohn.
Die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Querschnitt durch den Kölner Konzertkalender: Palladium, E-Werk, Carlswerk Victoria, Stadthalle Köln, Live Music Hall, Essigfabrik, Kantine, Gloria, Odonien, Kulturkirche Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld, Luxor, Club Volta, Gebäude 9, Gewölbe, artheater, Garagen, Helios37, MTC, Yuca, Bumann & Sohn, Yard Club, Blue Shell, Subway, Veedel Club, Sonic Ballroom, die wohngemeinschaft und Stereo Wonderland. Nach Darstellung der Initiative erreichen diese Häuser zusammen mehr als 1,5 Millionen Menschen im Jahr. Als Empfängerclubs werden unter anderem Bahnhof Ehrenfeld, Yuca, Luxor, Odonien, Subway und Blue Shell genannt.
Zwischen den Namen auf dieser Liste liegen Welten. Auf der einen Seite Hallen, in denen an einem guten Abend mehrere tausend Menschen stehen und in denen ein Tourbus rückwärts an die Rampe fährt. Auf der anderen Räume, in denen die Bar hinter der letzten Reihe anfängt und der Tontechniker gleichzeitig die Abendkasse macht. Beide verkaufen Tickets, beide zahlen Gagen, beide zahlen Miete – nur skaliert das eine und das andere nicht. Der Club Euro ist der Versuch, diese Ungleichheit nicht länger als Naturgesetz zu behandeln.
Aus dem Fonds sollen bis zu 2,50 Euro je Ticket zurückfließen
Der Aufschlag ist überall gleich hoch, die Rückverteilung ist es nicht. Kleine Spielstätten sollen nach Darstellung des Branchendienstes technostreams.de bis zu 2,50 Euro je Ticket aus dem Fonds erhalten können – also deutlich mehr, als auf ihren eigenen Karten liegt. Mittelgroße Häuser können demnach alternativ 20 Prozent ihrer Club-Euro-Einnahmen abführen. Wie hoch das jährliche Fondsvolumen ausfallen soll, hat die Klubkomm bislang nicht beziffert.
Was das praktisch bedeutet, lässt sich an einem Rechenbeispiel zeigen. Ein Laden, der an einem Konzertabend 200 Karten verkauft, käme bei 2,50 Euro auf bis zu 500 Euro zusätzlich. Das ist in dieser Größenordnung der Unterschied zwischen einer Band, die man sich leisten kann, und einer, bei der man passen muss. Es ist keine Rettung, es ist ein Puffer. Genau darum geht es: Häuser, die jeden Monat auf Kante kalkulieren, sollen wieder Risiko einkaufen können.
„Mit dem Club Euro zeigen wir, was unsere Szene mit Solidarität und aus eigener Kraft leisten kann: Einen großen Beitrag zum Erhalt der kulturellen Experimente und den kleinen Bühnen, auf denen Künstler:innen wachsen können“
Paulina Rduch, Vorsitzende der Kölner Klubkomm
Rduch stellt zugleich klar, dass der Club Euro nicht als Rückzug aus der Förderverantwortung von Stadt, Land oder Bund zu verstehen sei. Der Zusammenschluss der Spielstätten zeige vielmehr, wie relevant diese Häuser für den Musik- und Kulturstandort Köln seien. Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die politische Absicherung des ganzen Modells. Ein selbst organisierter Fonds wäre sonst ein hervorragendes Argument dafür, öffentliche Mittel zu kürzen.
Die Klubkomm ist dabei kein loser Freundeskreis. Der Verein vereint nach eigenen Angaben mehr als 100 Clubkulturakteurinnen und -akteure, Bars und Artists der Stadt und sitzt bei Förderfragen mit dem Kulturamt und der Wirtschaftsförderung an einem Tisch. Wenn dieser Verband ein Umverteilungsmodell aufsetzt, ist das etwas anderes als eine Spendenaktion unter Freunden. Es ist Branchenpolitik mit Kassenbuch.
Wie groß das ist, was hier verhandelt wird, zeigt ein Blick in die Standortstatistik. Rund 1.000 Unternehmen rechnet die städtische Wirtschaftsförderung KölnBusiness der Musikwirtschaft zu; sie erwirtschaften nach deren Angaben einen Umsatz von fast 917 Millionen Euro im Jahr. Rund 7.400 Menschen arbeiten im Kölner Musikökosystem, die meisten davon im Bereich der Spielstätten und Veranstaltungen. Der Club Euro ist daran gemessen ein kleiner Hebel. Er greift nur eben genau dort, wo die Kette am dünnsten ist.
Ohne die kleinen Bühnen gibt es die großen Abende nicht
Warum das auch die großen Häuser angeht, lässt sich an Bands erklären, die in genau diesen Räumen angefangen haben. Christopher Annen von AnnenMayKantereit hat sich öffentlich für den Club Euro ausgesprochen. Die Logik dahinter ist schlicht: Wer heute eine Halle füllt, hat vorher vor sechzig Leuten gespielt, und irgendwer musste diesen Abend bezahlen. Genau diese Abende rechnen sich für kleine Häuser am schlechtesten.
„In Clubs konnten wir uns ein Publikum erspielen. Clubs sind die Grundlage für eine lebendige LiveKultur. Diese Grundlage muss geschützt werden, darum ist die Initiative Club Euro in Köln so wichtig.“
Christopher Annen, Gitarrist der Band AnnenMayKantereit
Auf der Empfängerseite klingt das nüchterner. Jan van Weegen, der das Gebäude 9 betreibt, verspricht sich von dem Modell mehr Spielräume für Nachwuchsprogramme, für diverses Booking und für angemessene Gagen. Über das Geld hinaus zählt für ihn das Signal, das die großen Häuser damit senden. Es sei ein sehr wertschätzendes Signal, dass die großen Spielstätten sie unterstützen wollten, sagte er zur Vorstellung des Modells.
Für das Publikum ändert sich damit ebenfalls etwas, wenn auch wenig. 1 Euro mehr auf einer Konzertkarte fällt neben den üblichen Vorverkaufs- und Servicegebühren kaum auf – aber er ist da, und anders als bei diesen Gebühren wäre nachvollziehbar, wohin er geht. Das ist mehr, als sich über die meisten Aufschläge im Ticketing sagen lässt. Ob es reicht, um Verständnis zu erzeugen, wird sich zeigen, sobald der Betrag tatsächlich auf den Karten ausgewiesen wird.
Die Idee steht, die Ticketsysteme sprechen nicht miteinander
Und dann kommt die Stelle, an der es klemmt. Ein Euro pro Ticket klingt nach einer Zeile im Kassensystem, ist in der Praxis aber ein Schnittstellenproblem. Jedes Haus arbeitet mit eigenen Ticketing-Anbietern, dazu kommen Fremdveranstalter, die ihre eigenen Systeme mitbringen und über den eigenen Vorverkauf abrechnen. Eine gemeinsame Schnittstelle, über die der Aufschlag automatisch erhoben, ausgewiesen und weitergeleitet wird, existiert nicht. Die Umsetzung stockt genau dort – nicht an der Bereitschaft der Häuser.
Dazu kommt Bürokratie mit Vorlauf. Ab 2027 greift für Veranstalter mit mehr als 800.000 Euro Umsatz die Pflicht zur elektronischen Rechnung, ab 2028 gilt sie im gesamten Geschäftsverkehr zwischen Unternehmen. Wer den Club Euro sauber abrechnen will, braucht dann Formate wie ZUGFeRD oder XRechnung, passende Exporte in die Buchhaltung und eine Archivierung der Datensätze über zehn Jahre. In kleinen Häusern, in denen Programm und Buchhaltung oft in denselben Händen liegen, ist das kein Nebenbei-Projekt.
Man muss sich das ehrlich anschauen: Der schwierige Teil dieses Modells ist nicht die Idee, sondern die Verwaltung. Solidarität lässt sich in zwei Sätzen erklären, eine automatisierte Abrechnung zwischen 28 Häusern, mehreren Ticketanbietern und wechselnden Fremdveranstaltern nicht. Wer schon einmal versucht hat, die Gästelisten zweier Systeme an einem Abend zusammenzuführen, kennt das Problem im Kleinen. Hier geht es um ein ganzes Jahr und um Geld, das anderen gehört.
Selbst organisiert heißt dabei nicht: ohne die Stadt. Köln fördert Clubs unter anderem über einen Topf für technische Ausstattung und über einen Fonds für Open-Air-Projekte, beide mit klaren Obergrenzen und Antragsfristen. Was dort fehlt, ist Geld für das laufende Programm – für die Gage der Band, von der noch niemand gehört hat. Genau diese Lücke soll der Club Euro schließen. Er finanziert keine Lampe, sondern einen Abend.
Über Köln hinaus wird das Modell schon jetzt als Vorlage gehandelt. Norbert Oberhaus, Geschäftsführer der c/o pop, sieht darin ein bundesweites Best-Practice-Beispiel und hat sein Festival selbst beteiligt. Ein Festival, das Tickets verkauft, zahlt damit in denselben Topf ein wie eine Konzerthalle. Das ist neu.
„Doch Entdeckungen brauchen einen Nährboden, und der wird in den kleinen Clubs dieser Stadt bereitet. Ohne diese Nachwuchsarbeit gäbe es keine Headliner von morgen. Deshalb beteiligen wir uns als Festival am Club Euro und würden uns wünschen, dass diesem Beispiel noch viele weitere Festivals folgen. Denn nur gemeinsam halten wir den Musikstandort Köln lebendig, unabhängig und zukunftssicher.“
Norbert Oberhaus, Geschäftsführer der c/o pop
Am 28. August soll die Szene über den Stand der Dinge reden
Ein Datum gibt es immerhin. Am 28. August 2026 richtet die Klubkomm die Cologne Club Days im Green Room des Stadtgartens aus, einen Konferenztag mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Der Solidarfonds Club Euro ist dort eines von drei Panelthemen, neben dem Rechtsruck und der Bedrohung der Kunstfreiheit sowie den kulturpolitischen Forderungen zur Landtagswahl NRW 2027, präsentiert vom PopBoard NRW. Im Anschluss ist ein Konzert geplant.
Dass der Club Euro dort neben dem Rechtsruck und der Landtagswahl auf dem Programm steht, sagt etwas über den Zustand der Branche. Es geht bei diesen Treffen längst nicht mehr nur um Sperrzeiten und Schallschutz. Es geht um die Frage, wer in fünf Jahren überhaupt noch Räume betreibt, in denen unbekannte Musik gespielt wird – und unter welchen politischen Bedingungen. Ein Solidarfonds ist in dieser Aufzählung der einzige Punkt, bei dem die Szene selbst am Hebel sitzt.
Was dort zu klären sein wird, ist absehbar. Wann der erste Euro tatsächlich erhoben wird, hat die Klubkomm nicht mitgeteilt. Ebenso wenig, wie viel Geld im ersten Jahr zusammenkommen soll, nach welchem Schlüssel es verteilt wird und wer über die Anträge entscheidet. Solange die Ticketsysteme nicht miteinander sprechen, bleiben das Fragen auf dem Papier.
Bemerkenswert ist das Modell trotzdem, und zwar aus einem Grund, der wenig mit Geld zu tun hat. Es dreht die übliche Richtung um: Nicht die Stadt verteilt an die Szene, die Szene verteilt untereinander – und behält dabei selbst die Hoheit darüber, was schützenswert ist. Wer Fördermittel beantragt, muss einer Behörde erklären, warum er relevant ist. Wer aus einem Solidarfonds bezahlt wird, hat das intern schon geklärt.
Ob daraus ein bundesweiter Standard wird oder eine gut gemeinte Kölner Fußnote, entscheidet sich deshalb nicht auf einem Panel im August. Es entscheidet sich in den Backoffices der Ticketanbieter, bei Leuten, die noch nie in der Essigfabrik waren. Bis dahin kostet ein Konzertticket in Köln genau so viel wie vorher. Der Euro liegt bereit, er hat nur noch keinen Weg.




