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Partnerstadt

68 Jahre Ringpartnerschaft: Köln sucht in Lille den Anschluss

Oberbürgermeister Burmester reist mit Wirtschaftsförderung und zwei Start-ups nach Nordfrankreich. Auf dem Programm stehen Sicherheit, Sauberkeit – und ein Innovationszentrum, das Köln fehlt.

Katharina Esser, Chefredakteurin — KI-generiertes Porträt
Katharina Esser
Business & Unternehmen

Lesezeit 6 Min.
Historische Backsteinfassaden an einem großen Platz in Nordfrankreich
Lille ist seit 1958 Kölner Partnerstadt und Hauptstadt des Département Nord. · Symbolbild (KI-generiert)

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester ist am Montag, 20. Juli 2026, zu einer zweitägigen Delegationsreise in die französische Partnerstadt Lille aufgebrochen. Die Zusammensetzung der Delegation verrät den Zweck: Neben dem Oberbürgermeister reisen Manfred Janssen, Geschäftsführer der Köln Business Wirtschaftsförderungs-GmbH, sowie Vertreter der beiden Kölner Start-ups pool.down und VisaFlow. Es geht also nicht allein um Protokoll. Es geht um die Frage, was eine 68 Jahre alte Städtepartnerschaft heute wirtschaftlich noch leistet.

Auf dem Programm stehen ein Treffen mit Arnaud Deslandes, dem Bürgermeister von Lille, ein Besuch des Geburtshauses von Charles de Gaulle und ein Termin bei Euratechnologies, nach Angaben der Stadt Köln eines der größten europäischen Start-up- und Innovationszentren. Inhaltlich benennt die Verwaltung drei Themen: Sicherheit, Sauberkeit und deutsch-ukrainische Partnerschaften. Die ersten beiden sind kommunale Dauerbrenner in beiden Städten, das dritte hat Köln seit der Partnerschaft mit Dnipro zusätzlich auf der Tagesordnung.

Delegationsreisen dieser Art sind in kommunalen Haushalten kleine Posten mit großer Symbolkraft, und sie werden regelmäßig danach beurteilt, wer mitfährt. Dass mit Köln Business die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft und mit zwei Gründungen konkrete Unternehmen dabei sind, verschiebt den Charakter der Reise weg vom Empfang und hin zum Anbahnungstermin. Ob daraus mehr wird als ein Foto vor einem Geburtshaus, entscheidet sich nicht in Lille, sondern in den Monaten danach.

Die Partnerschaft ist älter als der Élysée-Vertrag

Die Verbindung nach Lille ist keine Verwaltungsroutine, sondern ein Gründungsdokument europäischer Kommunalpolitik. Köln knüpfte partnerschaftliche Kontakte zu einer französischen Stadt bereits fünf Jahre vor der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags. 1958 schlossen Lille, Esch-sur-Alzette, Lüttich, Rotterdam, Turin und Köln eine Ringpartnerschaft, die das Zusammenrücken Europas auf kommunaler Ebene fördern sollte. 1983 bekräftigten die sechs Städte diese Verbindung noch einmal. Getragen wurde sie über Jahrzehnte vor allem von Schulpartnerschaften.

Umgebaute Backstein-Fabrikhalle mit großen Sprossenfenstern als Bürostandort
Euratechnologies residiert in einer ehemaligen Textilfabrik im Westen von Lille. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Gemeinsamkeiten sind strukturell: Beide Städte sind Universitäts- und Messestädte, beide leben von Handel und Verkehrslage. Lille ist Hauptstadt des Département Nord, liegt nahe der belgischen Grenze und zählt über 172.000 Einwohnerinnen und Einwohner in der Kernstadt. Zum Vergleich: Das ist knapp ein Sechstel der Kölner Einwohnerzahl – die Metropolregion um Lille ist allerdings ein Vielfaches größer. 2004 war die Stadt Europäische Kulturhauptstadt. Die Einzelheiten der Partnerschaft dokumentiert die Stadt Köln auf ihrer Seite zu Lille.

Getragen wurde die Verbindung über Jahrzehnte vor allem von Schulen. In zahlreichen Schulpartnerschaften haben sich nach Darstellung der Stadt vor allem junge Menschen kennengelernt; hinzu kommen gemeinsame Veranstaltungen in Sport und Kultur, darunter Ausstellungen und Konzerte. Auf Verwaltungsebene findet ein Austausch unter anderem in den Bereichen Tourismus und Verkehr statt. Das ist die stille Substanz solcher Partnerschaften: kein Vertragswerk, sondern eine Gewohnheit.

Euratechnologies ist der eigentliche Programmpunkt

Wirtschaftlich interessant an der Reise ist der Besuch bei Euratechnologies. Das Zentrum ist in einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht und gilt als eines der größten Gründerzentren Europas – ein Format, das Köln in dieser Größenordnung nicht besitzt. Die Stadt verfügt über eine gewachsene Gründerszene, über Hochschulen mit Ausgründungen und über einzelne Standorte, aber nicht über einen einzelnen Campus dieser Dimension. Wer in Köln über Start-up-Politik spricht, spricht über verteilte Strukturen. Wer in Lille darüber spricht, meint eine Adresse.

Für die beiden mitreisenden Kölner Unternehmen ist das mehr als Anschauungsunterricht. pool.down und VisaFlow bekommen über die Reise Zugang zu einem französischen Netzwerk, das sie sich sonst einzeln erarbeiten müssten. Ob daraus Geschäft wird, lässt sich nach zwei Tagen nicht sagen; die Stadt hat weder Investitionsabsichten noch Kooperationsverträge angekündigt. Die Kosten der Reise hat die Verwaltung nicht beziffert.

Lille ist zudem eine Stadt mit einer Wirtschaftsgeschichte, die Köln kennt. Bereits im neunten Jahrhundert gab es dort eine Ansiedlung mit Hafen, der den Grundstein für die spätere wirtschaftliche Bedeutung legte; Mitte des 13. Jahrhunderts lebten rund 30.000 Menschen in der Stadt, die sich dank des Textilhandels zum regionalen Marktplatz entwickelt hatte. Nach Kriegen, Pestwellen und Hungersnöten des 14. Jahrhunderts folgte im 17. Jahrhundert eine wirtschaftliche Blüte. 1667 wurde Lille Teil Frankreichs.

Großraumbüro mit langen Tischen, Laptops und leeren Stühlen
Kölner Gründungen sollen über die Partnerstadt Zugang zum französischen Markt bekommen. · Symbolbild (KI-generiert)

Sicherheit und Sauberkeit sind in beiden Städten Wahlkampfthemen

Die beiden anderen Themen der Reise sind kommunalpolitisch aufgeladen. Sicherheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum beschäftigen die Kölner Verwaltung seit Jahren, sie tauchen in Ratsanträgen, Haushaltsberatungen und Bürgerbeteiligungen regelmäßig auf. Ein Erfahrungsaustausch mit einer Stadt vergleichbarer Struktur kann hier billiger sein als ein Gutachten: Lille hat mit Innenstadtverelendung, Nachtökonomie und Reinigungskosten dieselben Konflikte, nur unter anderem Rechtsrahmen. Ob die Verwaltung daraus konkrete Vorlagen ableitet, wird sich in den Fachausschüssen zeigen.

Ein Detail des Programms verweist auf Kölns jüngste Partnerschaft. Der Punkt deutsch-ukrainische Partnerschaften betrifft beide Städte gleichermaßen; Köln unterhält seit einigen Jahren eine Städtepartnerschaft mit Dnipro. Die praktische Frage lautet in solchen Fällen weniger, ob man zusammenarbeitet, als wie man Hilfslieferungen, Aufenthalte und Verwaltungskontakte organisiert, wenn Reisen kaum möglich sind. Ein Erfahrungsabgleich mit einer Stadt, die dasselbe Problem hat, ist der billigste Teil der Reise.

Die Ringpartnerschaft von 1958 umfasst neben Köln und Lille die Städte Esch-sur-Alzette, Lüttich, Rotterdam und Turin. Dieser Verbund war ausdrücklich als europapolitisches Instrument gedacht, und zwar in demselben Jahr, in dem die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Kraft traten. Heute konkurrieren dieselben Städte um Ansiedlungen, Fördermittel und Fachkräfte. Dass sie zugleich Partnerstädte sind, macht den Austausch nicht wertlos, aber es erklärt, warum wirtschaftliche Ergebnisse solcher Reisen selten öffentlich beziffert werden.

Der Vergleich der beiden Standorte fällt in einem Punkt eindeutig aus. Beide Städte sind Messestandorte, aber die Größenordnungen unterscheiden sich deutlich: Köln betreibt mit der Koelnmesse ein Gelände von internationalem Zuschnitt, während Lille seine Sichtbarkeit eher über Kultur und Hochgeschwindigkeitsverkehr bezieht. Umgekehrt hat Lille mit Euratechnologies eine Gründerinfrastruktur an einem Ort gebündelt, für die Köln kein Gegenstück besitzt. Beide Städte könnten also voneinander lernen, wenn beide Seiten das wollen.

Der dritte Punkt, deutsch-ukrainische Partnerschaften, verweist auf Kölns Partnerstadt Dnipro. Beide Städte, Köln und Lille, unterhalten Beziehungen in die Ukraine und stehen vor derselben Frage: Wie hält man eine kommunale Partnerschaft im Krieg praktisch am Leben, wenn Delegationsreisen kaum möglich sind und Hilfslieferungen den Großteil der Zusammenarbeit ausmachen? Ein Abgleich der Verfahren kostet nichts und kann Doppelarbeit vermeiden.

Bahnsteig eines Hochgeschwindigkeitsbahnhofs mit wartendem Zug
Lille liegt an der Hochgeschwindigkeitsachse zwischen Paris, Brüssel und London. · Symbolbild (KI-generiert)

Was die Reise messbar bringen müsste

Für den Standort Köln ist die Rechnung nüchtern aufzumachen. Städtepartnerschaften erzeugen selten unmittelbar Arbeitsplätze oder Gewerbesteuer. Ihr Wert liegt in Marktzugängen für kleine Unternehmen, in Ausschreibungen, an denen man sonst nicht teilnimmt, und in der Sichtbarkeit bei Ansiedlungsentscheidungen. Messbar wird das erst, wenn die Wirtschaftsförderung im Nachgang belegt, welche Kontakte in Verträge mündeten. Köln Business veröffentlicht solche Bilanzen bislang nicht regelmäßig.

Bemerkenswert ist schließlich, dass Köln seine Partnerschaften derzeit ohnehin überarbeitet. Die Verwaltung hat ein neues Konzept für Städtepartnerschaften verabschiedet, das die Zusammenarbeit auf neue Grundpfeiler stellen soll; parallel laufen Gespräche über eine engere Kooperation mit Rotterdam, und mit Cluj-Napoca wird in diesem Jahr ein fünfzigjähriges Jubiläum begangen. Die Übersicht der Stadt Köln listet über 20 Partnerstädte auf. Wer alle gleich intensiv pflegen will, pflegt am Ende keine.

Aus Sicht des Standorts ist das eine Priorisierungsfrage mit Kostenfolge. Jede Partnerschaft bindet Personal im Amt für Internationales, jede Delegationsreise bindet Zeit der Verwaltungsspitze. In einem Haushalt, der seit Jahren unter Druck steht, ist das kein Nebenposten, sondern eine Entscheidung darüber, wo Köln sichtbar sein will.

Die Reise endet am Dienstag, 21. Juli 2026. Offen ist, ob dem Besuch ein Gegenbesuch aus Lille folgt und ob die Verwaltung dem Rat über Ergebnisse berichtet. Zu klären bleibt vor allem eine Frage: Wie viel von dem, was Euratechnologies leistet, ließe sich in Köln überhaupt abbilden – und wer bezahlte es?

Quellen und Weiterlesen
Katharina Esser, Chefredakteurin — KI-generiertes Porträt
Katharina Esser
Chefredakteurin · Business & Unternehmen
Leitet die Kölner Zeit seit der Gründung 2022. Zuvor zehn Jahre Wirtschaftsredakteurin in Düsseldorf und Frankfurt. Schreibt über Mittelstand, Startups und Strukturwandel im Rheinland.
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