Wer nachts aufpasst: Awareness-Strukturen im Kölner Nachtleben
Runde Tische ohne Anmeldung, ein Modell mit fünf Buchstaben und ein Arbeitskreis, der seinen Versand über Briefmarken finanziert: die Kölner Schutzstrukturen im Überblick.
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Halb drei nachts, der Floor ist voll, und jemand fühlt sich bedrängt. Ob diese Person in den nächsten Minuten jemanden findet, der zuständig ist, hängt nicht vom Glück ab. Es hängt davon ab, was tagsüber vorbereitet wurde: Wer im Haus geschult ist, wo ein Rückzugsraum liegt, ob das Personal an der Garderobe weiß, an wen es weiterreicht. Genau darum geht es, wenn in Köln von Awareness die Rede ist. Der Begriff klingt nach Konferenzsprache, meint aber eine sehr praktische Frage: Wer passt nachts auf wen auf?
Awareness ist kein Kölner Sonderweg, aber Köln hat inzwischen ein Netz aus Strukturen, das über einzelne Häuser hinausgeht. Es besteht aus mindestens drei Ebenen: einem Projekt des Klubverbands, den Konzepten einzelner Festivals und einem Arbeitskreis, der seit 16 Jahren zu K.-o.-Tropfen arbeitet und mit Nachtleben ursprünglich gar nicht gemeint war. Die drei kennen sich, arbeiten aber nicht unter einem Dach.
Anfangen muss man beim Klubkomm e.V., dem Zusammenschluss, in dem sich Kölner Clubbetriebe organisieren. Ende 2022 nahm der Verband das Thema in seine Agenda auf, im Januar 2023 wurde daraus ein regelmäßiger Roundtable unter dem Namen Safer Nightlife Cologne. Das erklärte Ziel ist auf der Projektseite in einem Satz zusammengefasst: „die Nächte in Köln für alle sicherer zu gestalten“. Was das im Einzelnen heißt, steht darunter.
Es geht um den Abbau diskriminierender Strukturen, um sexistische Übergriffe und um Barrieren, die marginalisierte Gruppen von Clubs fernhalten. Und es geht um Personal. Security, Technik und Leitung sind in der Branche männlich dominiert; das Projekt zielt ausdrücklich darauf, das zu ändern. Das ist der unbequemere Teil der Debatte, weil er nicht mit einem Konzeptpapier erledigt ist, sondern mit Einstellungen, Schichtplänen und Honoraren.
An den Runden Tischen sitzt, wer will
Die Runden Tische arbeiten sich durch die Themen, die im Nachtbetrieb tatsächlich anfallen. Sie sind kein Fortbildungsprogramm mit Zertifikat, sondern eine Reihe von Terminen, zu denen Leute aus den Häusern kommen. Nach Angaben des Klubkomm gehören dazu:
- eine Bedarfsanalyse zum Status quo von Awareness und Diversity in den Häusern
- Drogenaufklärung, gemeinsam mit der Aidshilfe Köln
- Diversity in der Clubkultur und der Abbau von Barrieren für marginalisierte Gruppen
- Awareness-Strukturen und betroffenenorientiertes Handeln
- Deeskalation und gewaltfreie Kommunikation
- Antirassismus im Nachtleben
- Psy Care, also die Betreuung von Menschen in psychischen Ausnahmesituationen
Bemerkenswert ist die Zugangsregel. Die Runden Tische stehen laut Klubkomm „allen Akteur*innen der Kölner Clubkultur offen, dies gilt explizit auch für Nicht-Mitglieder des Klubkomm e.V.“ Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das ist in einer Branche, in der vieles über Bekanntschaften läuft, eine bewusste Öffnung: Wer eine Reihe in einem Keller veranstaltet, sitzt am selben Tisch wie ein Haus mit drei Floors.
Als Kooperationspartner nennt das Projekt die Aidshilfe Köln, gerne anders e.V., to be aware und das Clubkombinat Hamburg. Der letzte Name ist der interessanteste: Der Hamburger Verband sitzt mit am Tisch, obwohl seine Häuser an der Elbe stehen. Awareness-Konzepte werden zwischen den Clubverbänden weitergereicht – jede Szene noch einmal bei null anfangen zu lassen, wäre teuer. Was die Runden Tische bislang konkret verändert haben, ist allerdings nicht dokumentiert; öffentliche Bilanzen oder Zahlen zu geschulten Personen veröffentlicht der Verband nicht.
Das Festival arbeitet nach einem Modell mit fünf Buchstaben
Deutlich konkreter wird es beim c/o pop Festival. Für sein Awareness-Konzept arbeitet es mit act aware zusammen, zuständig für die Grundlagen der Awareness-Arbeit, und mit der Initiative Barrierefrei feiern e.V., die zu Barrierefreiheit und Inklusion berät. Awareness definiert das Festival als Ansatz, um sexualisierter Gewalt, Diskriminierung aller Art und Grenzüberschreitungen präventiv und praktisch zu begegnen. Der praktische Teil hat einen Namen: die fünf D.
Distract heißt ablenken – die potenziell betroffene Person unter einem Vorwand ansprechen, damit die Situation kippt. Direct heißt eingreifen, aber nur, wenn man sich dabei selbst sicher fühlt. Delegate heißt weitergeben, konkret: „Übergebe die Situation an eine verantwortliche Person mit Funkgerät, etwa an die Security“. Delay heißt, später auf die betroffene Person zuzugehen, wenn im Moment selbst nichts möglich war. Document heißt dokumentieren, damit eine Situation später weitergegeben werden kann.
Das Modell ist keine Kölner Erfindung, und es hat einen einleuchtenden Kern: Es erwartet von niemandem Heldentum. Vier der fünf Optionen kommen ohne Konfrontation aus. Wer schon einmal in einem vollen Raum überlegt hat, ob er sich einmischen soll, kennt die Hemmschwelle – das Modell senkt sie, indem es Alternativen anbietet.
Dazu kommen sieben Guidelines, die das Festival an sein Publikum richtet. Sie regeln den Umgang mit Diskriminierung, Sexismus, Ableismus, individuellen Grenzen, Geschlechtsidentität und Pronomen sowie den Respekt gegenüber anderen Kulturen. Zwei Stellen lohnen die wörtliche Wiedergabe. Die vierte Regel beginnt so: „Wir respektieren individuelle Grenzen: Nein heißt immer nein! Und noch wichtiger: Nur ja heißt ja!“ Die sechste lautet im Ganzen: „Wo eine Grenzüberschreitung beginnt, bestimmt immer die betroffene Person und sie hat das Recht zu entscheiden, wie es nach einem Vorfall weitergeht.“
Zwei weitere Regeln verdienen eine Übersetzung für alle, die die Begriffe nicht täglich hören. Ableismus, um den es in der dritten Regel geht, meint die Abwertung von Menschen mit Behinderung; das Festival fordert unter anderem, barrierefreie Bereiche für die freizuhalten, die sie wirklich brauchen. Die fünfte Regel dreht sich um Pronomen und um die Aufforderung, vom Aussehen nicht auf die Geschlechtsidentität zu schließen, sondern nachzufragen. Beides klingt nach Theorie und ist im vollen Raum reine Praxis: Es geht um die Rampe, die zugestellt wird, und um die Anrede an der Garderobe.
Und noch ein Begriff, der in Ankündigungen auftaucht, ohne erklärt zu werden. Ein Awareness-Point ist kein Amt, sondern ein Ort: ein Tisch oder ein Raum abseits des Floors, an dem ansprechbare Personen sitzen, meist mit Wasser, Ohrstöpseln und Infomaterial. Wer sich dorthin setzt, muss nichts erklären und nichts melden. Der Unterschied zum Security-Tresen ist der Auftrag: Security schützt den Betrieb, Awareness die Person.
Die sechste Regel ist der eigentliche Maßstab. Sie verschiebt die Definitionsmacht von der Türsteherin, vom Veranstalter, vom Publikum weg zur betroffenen Person. In der Praxis heißt das, dass niemand vor Ort abwägt, ob ein Vorfall schlimm genug war. Wer melden will, kann das beim Festival auch schriftlich tun, an [email protected]. Für alles Weitere gilt: Die Awareness-Struktur ist die Person mit Funkgerät, die man findet.
Auch einzelne Häuser schreiben es inzwischen hin
Solche Ansagen tauchen nicht mehr nur bei Festivals auf. Im Odonien, das im März bei der Clubnacht Ehrenfeld XL mitgespielt hat, steht neben dem Line-up ein Hausversprechen namens Club Care – zusammengefasst in zwei Zeilen: Pass auf dein Getränk auf, und nur Ja heißt Ja. Ob dahinter ein geschultes Team steht, geht aus der Ankündigung nicht hervor. Der Satz allein ist noch kein Konzept. Aber er markiert, was ein Haus für selbstverständlich erklärt.
Dass die Aidshilfe Köln beim Klubkomm für Drogenaufklärung zuständig ist, hat einen praktischen Grund. Niemand ruft an einem Samstagabend eine Beratungsstelle an; die Information muss dorthin, wo konsumiert wird. Dasselbe gilt für Psy Care, die Betreuung von Menschen in psychischen Ausnahmesituationen – ein Thema, das aus der Festivalarbeit kommt und in Clubs selten organisiert ist. Beides landet im Zweifel beim Personal an der Bar, das dafür nicht ausgebildet ist, wenn es niemand ausbildet.
Der Arbeitskreis arbeitet seit 2010 – mit Briefmarken
Die dritte Ebene ist die älteste und die am wenigsten sichtbare. Der Arbeitskreis K.o.-Tropfen Köln entstand aus einem Fachaustausch, den das Kölner Aktionsbündnis „Gemeinsam gegen Männergewalt an Frauen“ im November 2008 zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen organisierte. Nach gut einem Jahr Vorbereitung ging der Arbeitskreis im April 2010 an die Öffentlichkeit – mit einer Homepage, Flyern, Plakaten und Postkarten.
Getragen wird er von sechs Einrichtungen: der Drogenhilfe Köln gGmbH, dem Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen – Frauen gegen Gewalt e.V., der LOBBY FÜR MÄDCHEN e.V., der Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW, der Frauenberatungsstelle FrauenLeben e.V. und dem Landschaftsverband Rheinland. Der Arbeitskreis sitzt c/o Frauen gegen Gewalt e.V. in der Herwarthstraße 10 in der Kölner Innenstadt.
Was er anbietet, ist unspektakulär und deshalb belastbar: Informationen zum Thema K.-o.-Tropfen, psychosoziale und psychologische Beratung sowie Unterstützung im Kontakt mit Strafverfolgungsbehörden. Die eigene Zielbeschreibung ist deutlich: „Die Versorgung von Betroffenen in Köln muss dringend verbessert werden.“ Und: „Wichtig ist eine effektive und fundierte Präventions- und Aufklärungsarbeit zum Thema.“
An dieser Stelle wird die Sache konkret für jeden Betrieb, der abends aufschließt. Der Arbeitskreis verschickt ein Materialpaket – Postkarte, Plakat und Infoflyer unter dem Titel „K.o.cktail? Unsichtbare Drogen im Glas“, dazu eine Kitteltascheninfo für Ärztinnen und Ärzte. Für Institutionen aus Köln und dem Rhein-Erft-Kreis ist ein erstes Paket mit rund einem Plakat, zehn Flyern und 10 bis 20 Postkarten porto- und kostenfrei.
Wer mehr will, legt Briefmarken bei. 1,45 Euro für kleinere Mengen, 2,60 Euro für größere, 4,50 Euro für ein Päckchen. Das ist keine Randnotiz, sondern eine Auskunft über die Finanzierung von Präventionsarbeit in dieser Stadt. Der Arbeitskreis schreibt dazu selbst: „Leider haben wir bisher noch keine finanzielle Unterstützung für die breite Verschickung erhalten.“ Um Spenden wird ausdrücklich gebeten.
Man kann das nebeneinanderlegen und stehen lassen: Ein Verband organisiert Runde Tische, ein Festival schult Teams und schreibt Guidelines, und die Stelle, die seit 2010 zu K.-o.-Tropfen aufklärt, finanziert ihren Versand über beigelegte Briefmarken. Alle drei arbeiten am selben Problem, aber mit sehr unterschiedlicher Ausstattung. Eine gemeinsame Finanzierung für Awareness im Kölner Nachtleben gibt es nicht.
Offen bleibt vieles, was man gerne wüsste. Wie viele Kölner Clubs ein geschultes Awareness-Team im Regelbetrieb haben, ist öffentlich nicht erfasst. Wie viele Vorfälle gemeldet werden, ebenso wenig. Und ob eine Person um halb drei tatsächlich jemanden findet, entscheidet sich nicht an den Konzepten, sondern an dem Menschen, der an diesem Abend Dienst hat.
Was sich sagen lässt: Die Strukturen sind da, sie sind offen, und sie kosten – bis auf die Briefmarke – erst einmal nichts. Der nächste Runde Tisch braucht keine Anmeldung. Wer ein Haus betreibt, eine Reihe veranstaltet oder an einer Tür steht, kann hingehen. Ob das jemand tut, ist die Frage, die sich in der nächsten Saison beantwortet.




