13,4 Millionen gehen: Kölner Kreditversicherer zählt das Wissen
Eine Umfrage von Atradius unter 330 Unternehmen zeigt: Jede fünfte Firma hat keine Strategie, um das Wissen ihrer ausscheidenden Beschäftigten zu sichern. Künstliche Intelligenz spielt kaum eine Rolle.
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Jedes fünfte Unternehmen in Deutschland hat keine systematische Strategie, um das Erfahrungswissen seiner erfahrenen Beschäftigten zu sichern. Das ist das zentrale Ergebnis einer Umfrage, die der in Köln ansässige Kreditversicherer Atradius am Dienstag, 21. Juli 2026, veröffentlicht hat. Der Anlass ist demografisch und terminiert: Bis 2039 erreichen oder überschreiten rund 13,4 Millionen Menschen der Generation der Boomer und Babyboomer das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren.
Befragt wurden im Mai und Juni 2026 mehr als 330 Unternehmen aus Branchen wie Automotive, Bauwirtschaft und Baustoffhandel, Chemie, Dienstleistungen, Elektronik, Finanzen, IT und Software, Konsumgüter, Landwirtschaft, Lebensmittel, Maschinenbau, Metall, Papier, Textil und Transport. Die Jahresumsätze reichen von unter fünf Millionen bis über einer Milliarde Euro, die Beschäftigtenzahlen von unter 100 bis über 1.500. Eine regionale Auswertung für Köln oder das Rheinland liegt nicht vor: Die Zahlen gelten bundesweit.
Zur Methodik gehören zwei Einschränkungen, die man mitlesen muss. Es handelt sich um Selbstauskünfte von Unternehmen, nicht um geprüfte Angaben, und bei den Fragen zur Mitarbeiterbindung waren Mehrfachnennungen möglich – die Prozentwerte addieren sich also nicht auf hundert. Wer eine Erhebung dieser Art liest, erfährt vor allem, was Unternehmen für berichtenswert halten. Das ist weniger, als es klingt, und mehr als nichts.
„Mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben geht viel Wissen verloren, das angesichts des Fachkräftemangels mehr denn je benötigt wird.“
Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius
Die Mehrheit bereitet sich vor, aber altmodisch
Die Mehrzahl der Unternehmen bereitet sich durchaus vor – nur nicht mit den Mitteln, die man 2026 erwarten würde. Knapp 61 Prozent setzen darauf, dass ausscheidende Fachleute ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger über sechs bis zwölf Monate gezielt einarbeiten. Rund 55 Prozent dokumentieren Prozesse und Erfahrungswerte in internen Systemen. In 36 Prozent der befragten Unternehmen bleiben ehemalige Mitarbeitende als externe Beraterinnen und Berater oder auf Minijob-Basis für Spezialfragen abrufbar.
Weitere Maßnahmen fallen deutlich ab: 20 Prozent organisieren einen generationenübergreifenden Austausch zur Weitergabe von Netzwerk- und Strategiewissen, elf Prozent lassen die Fachleute Arbeitsabläufe oder Erklärvideos selbst aufnehmen. Und bei jenem Werkzeug, über das gerade jede Managementkonferenz redet, bleibt die Quote im einstelligen Bereich: Lediglich drei Prozent der befragten Unternehmen setzen KI-Werkzeuge ein, die aus E-Mail-Verläufen und Dokumenten automatisch Wissenslandkarten erstellen.
Diese drei Prozent sind die interessanteste Zahl der ganzen Erhebung. Sie zeigt die Lücke zwischen dem, was Unternehmen über Künstliche Intelligenz sagen, und dem, was sie damit tun. Atradius selbst beschreibt den gezielten KI-Einsatz als Chance, Erfahrungswissen systematisch zu erfassen und für nachfolgende Generationen verfügbar zu halten – die Praxis der Befragten stützt diese Erwartung bislang nicht.
Bindung heißt Team-Event, nicht Vier-Tage-Woche
Der Kreditversicherer selbst wirbt für eine Praxis, die in der Umfrage immerhin gut ein Drittel der Betriebe angibt: die Einbindung ausscheidender Beschäftigter über das Rentenalter hinaus, sei es als externe Beratung oder auf Minijob-Basis. Frank Liebold bezeichnet das als Situation, von der beide Seiten profitierten – das Unternehmen behalte das über Jahre erarbeitete Wissen, die Rentnerinnen und Rentner blieben dem Betrieb verbunden. Arbeitsrechtlich ist dieses Modell allerdings voraussetzungsvoll, weil Befristung, Hinzuverdienstgrenzen und Sozialversicherungspflicht mitgeklärt sein müssen.
Der zweite Teil der Umfrage betrifft die Bindung der verbleibenden Belegschaft. An erster Stelle steht mit knapp 32 Prozent das Angebot von Team-Events, Mehrfachnennungen waren möglich. Auf Platz zwei folgen mit 31 Prozent erfolgsbasierte Boni, dahinter Remote-Optionen und Fitness-Angebote mit jeweils rund 29 Prozent. Etwa 24 Prozent stellen Weiterbildungsbudgets bereit, 15 Prozent bieten eine betriebliche Krankenzusatzversicherung, 14 Prozent Inflationsausgleichsprämien.
Für eine Stadt mit dichtem Nahverkehrsnetz ist eine Zahl aufschlussreich: Etwas mehr als zwölf Prozent der Unternehmen bieten einen Zuschuss zum öffentlichen Nahverkehr an. Das ist wenig für ein Instrument, das vergleichsweise billig ist und in Ballungsräumen unmittelbar wirkt. Eine Vier-Tage-Woche ist nur bei knapp sechs Prozent ein Thema, Workation und Sabbaticals kommen jeweils auf weniger als zwei Prozent. Die viel diskutierten Formate sind in der Fläche also praktisch nicht vorhanden.
„Umso wichtiger ist es daher, die bestehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eng an das Unternehmen zu binden.“
Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius
Die Maschine ersetzt den Menschen nicht
Auffällig ist der geringe Stellenwert von Weiterbildungsbudgets. Nur etwa 24 Prozent der befragten Unternehmen stellen sie bereit, obwohl gerade sie das naheliegende Gegenmittel gegen Wissensverlust wären: Wer Nachfolgerinnen qualifiziert, braucht später weniger externe Beratung. Dass stattdessen Fitness-Angebote und Remote-Optionen gleichauf mit Boni rangieren, spricht dafür, dass Bindungsmaßnahmen eher aus der Personalgewinnung heraus gedacht werden als aus der Wissenssicherung.
Die Rangfolge der Bindungsinstrumente verdient einen zweiten Blick. Dass Team-Events vor erfolgsbasierten Boni landen, ist erklärungsbedürftig, weil das eine eine einmalige Ausgabe ist und das andere ein dauerhaft wirksamer Gehaltsbestandteil. Möglich sind zwei Lesarten: Entweder halten Unternehmen soziale Bindung tatsächlich für wirksamer als Geld – oder Team-Events sind schlicht das, was am schnellsten beschlossen und am leichtesten wieder gestrichen werden kann. Die Umfrage lässt beide Deutungen zu.
Ein drittes Ergebnis widerspricht einer verbreiteten Erwartung. Mehr als 51 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass Automatisierung beim Ausgleich unbesetzter Positionen keine oder nur eine geringe Rolle spielt. Für 30 Prozent hat sie mittlere Bedeutung, und nur bei insgesamt 18 Prozent nimmt sie eine eher große bis sehr große Rolle ein. Wo Stellen offen bleiben, bleiben sie offen – die Arbeit verteilt sich auf die verbleibende Belegschaft.
Für den Standort Köln ist das mehr als eine bundesweite Randnotiz. Die Stadt lebt von Versicherungen, Medien, Handel und einem breiten Mittelstand mit langer Betriebszugehörigkeit – also von Branchen, in denen implizites Wissen besonders schwer zu dokumentieren ist. Wenn 20 Prozent der Unternehmen ohne Strategie in den Ruhestandsjahrgang gehen, trifft das eine Region, deren Arbeitsmarkt ohnehin nicht mehr wächst.
Atradius selbst ist als Niederlassung der Atradius Crédito y Caución in Köln vertreten und veröffentlicht seine Erhebungen regelmäßig über den eigenen Pressebereich. Kreditversicherer haben ein professionelles Interesse an dieser Frage: Sie zahlen, wenn Kunden ihrer Kunden ausfallen, und Wissensverlust in Schlüsselpositionen gehört zu den weichen Frühindikatoren für betriebliche Krisen. Die nächste zu beantwortende Frage lautet, ob die Unternehmen ihre Strategien anpassen, bevor die Jahrgänge tatsächlich ausscheiden – oder erst danach.
Eine Einschränkung bleibt: Die Umfrage misst Absichten und Verfahren, nicht deren Wirkung. Ob eine sechs- bis zwölfmonatige Einarbeitung tatsächlich genügt, um dreißig Jahre Berufserfahrung zu übertragen, beantwortet keine der abgefragten Kategorien. Auch die Frage, wie viele Stellen im Erhebungszeitraum überhaupt unbesetzt blieben, gehört nicht zum veröffentlichten Datensatz. Die Erhebung des Kreditversicherers ist damit ein Stimmungsbild, kein Wirksamkeitsnachweis.
Was sie dennoch leistet, ist eine Terminsetzung. 2039 ist kein ferner Horizont, sondern dreizehn Jahre entfernt, und die ersten Jahrgänge gehen längst. Unternehmen, die heute keine Strategie haben, werden in fünf Jahren keine bessere Ausgangslage vorfinden – nur weniger Personal, das die Übergabe noch leisten könnte.
Für Köln kommt hinzu, dass die Stadt nicht nur Versicherungsstandort ist, sondern auch ein dichtes Handwerk und einen breiten öffentlichen Sektor hat – Bereiche mit hohem Anteil älterer Beschäftigter und langen Einarbeitungszeiten. In Verwaltungen und technischen Betrieben ist implizites Wissen besonders schwer zu ersetzen, weil es an Verfahren, Aktenlage und persönliche Kontakte gebunden ist. Eine Dokumentationspflicht dafür gibt es nicht.




