Zwanzig Jahre Amphi: Die schwarze Szene füllt den Tanzbrunnen
Seit Samstag läuft am Kölner Tanzbrunnen die Jubiläumsausgabe des Amphi Festivals. Zwei Tage, drei Bühnen – und ein Publikum, das seit zwei Jahrzehnten in Schwarz nach Deutz kommt.
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Es ist der letzte Juli-Samstag, und am Tanzbrunnen wird wieder alles schwarz. Seit Samstag läuft dort die Jubiläumsausgabe des Amphi Festivals, das in diesem Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Zwei Tage, drei Bühnen, ein Gelände im Rheinpark: Am Sonntag endet die Ausgabe 2026.
Wer das Festival nicht kennt: Amphi ist das Kölner Treffen der sogenannten schwarzen Szene – ein Sammelbegriff für Gothic, Dark Wave, Industrial, Elektro und alles, was sich zwischen diesen Feldern eingerichtet hat. Die Musik ist elektronischer als ihr Ruf und die Kleiderordnung strenger, als es jede Türpolitik vorschreiben könnte. Vorgeschrieben ist sie nämlich nicht. Es gibt keinen Dresscode am Eingang, es gibt nur ein Publikum, das sich seit zwei Jahrzehnten darauf geeinigt hat, wie ein solches Wochenende auszusehen hat.
Am Sonntag steht das dichteste Programm des Wochenendes an
Der zweite Tag hat es in sich. Für Sonntag stehen auf den drei Bühnen unter anderem Clan of Xymox, Diary Of Dreams, Eisbrecher, Joachim Witt, Lebanon Hanover, Rotersand, Solitary Experiments und Welle:Erdball auf dem Plan, dazu Assemblage 23, Chrom, Emmon, Empathy Test, Extize, Kllsignl, Motel Transylvania, Paradox Obscur, Potochkine, Schattenmann, SIIE und The Sweet Kill.
Zwanzig Namen an einem Tag, verteilt auf drei Bühnen: Das ist ein Zeitplan, bei dem man sich entscheiden muss. Wer alles sehen will, sieht nichts ganz. Erfahrene Besucherinnen und Besucher gehen deshalb mit einer Liste über das Gelände und mit dem Wissen, dass die interessantesten Sets meistens am frühen Nachmittag auf der kleinsten Bühne laufen.
Das ist eine Mischung, die man erst einmal zusammenbekommen muss. Joachim Witt gehört seit den frühen Achtzigern zum deutschen Pop, Clan of Xymox spielt seit den Achtzigern in der niederländischen Wave-Tradition, und Lebanon Hanover steht für die jüngere, kargere Variante desselben Gefühls. Wer diese Namen auf einem Gelände unterbringt, kuratiert nicht für einen Geschmack, sondern für eine Szene. Dazwischen stehen Projekte, die außerhalb dieser Szene kaum jemand kennt – und die genau deshalb hier auftreten.
Genau das ist das Prinzip. Amphi funktioniert weniger über einzelne Headliner als über die Gewissheit, dass an diesem Wochenende alle da sind. Man kommt nicht wegen einer Band. Man kommt, weil man dort niemandem erklären muss, warum man an einem Sommertag einen Mantel trägt.
Ein Open Air im Park ist kein Club, aber es gelten dieselben Fragen
Der Tanzbrunnen liegt im Rheinpark in Deutz, direkt am Wasser, gegenüber der Altstadt. Das ist ein Privileg und eine Beschränkung zugleich: Ein Freiluftgelände in dieser Lage bekommt seine Genehmigung nicht ohne Auflagen zu Lautstärke, Ende und Anreise. Wer schon einmal ein Konzert dort erlebt hat, kennt den Moment, in dem der Ton pünktlich leiser wird.
Diese Auflagen sind der Preis dafür, dass Köln überhaupt eine Freiluftbühne in dieser Lage hat. Anderswo sind vergleichbare Standorte längst verschwunden, weil rundherum gebaut wurde und die Beschwerden zunahmen. Ein Park mit Wasser davor und Wohnbebauung in Rufweite ist ein empfindliches Arrangement.
Für die Kölner Veranstaltungswirtschaft ist ein Wochenende dieser Größe mehr als ein Termin im Kalender. Hotels, Gastronomie, Taxen und der Nahverkehr hängen daran, ebenso Dutzende Firmen für Bühnenbau, Licht, Ton, Security und Awareness. Große Open Airs sind für die freie Szene der Stadt das, was ein Auftragsbuch für ein Handwerksunternehmen ist: die Grundlast, mit der sich der Rest des Jahres planen lässt. Fällt ein solches Wochenende aus, merkt man das nicht nur an der Bühne, sondern in einem Dutzend Kalkulationen.
Zur Ehrlichkeit gehört auch die Kehrseite. Ein Festival dieser Größe bindet über ein Wochenende Personal, das an anderen Abenden in den Clubs der Stadt an der Tür, hinter dem Tresen oder am Mischpult steht. Im Sommer konkurrieren Open Airs und Kellerläden nicht nur um Publikum, sondern um dieselben Leute.
Und es gehört die Frage dazu, wie ein volles Gelände im Ernstfall funktioniert: Wer ist ansprechbar, wenn jemand belästigt wird, und wie sichtbar ist diese Stelle zwischen Bühne, Bar und Ausgang? Awareness ist auf Festivals inzwischen Standard. Ihre Qualität schwankt erheblich – und sie zeigt sich erst, wenn sie gebraucht wird.
- Termin: Samstag, 25., und Sonntag, 26. Juli 2026
- Ort: Tanzbrunnen im Rheinpark, Köln-Deutz
- Anlass: 20. Jubiläum des Festivals
- Bühnen: drei, verteilt über das Gelände
- Nächste Ausgabe: 24. und 25. Juli 2027
Zwanzig Ausgaben sind in der Festivallandschaft eine Ewigkeit
Zwanzig Jahre klingen nach wenig, wenn man an Dom oder Karneval denkt. In der Festivallandschaft sind sie eine Ewigkeit. In diesen zwei Jahrzehnten sind Open Airs an gestiegenen Gagen, an Versicherungsprämien, an Wetter und an der Pandemie gescheitert; Nischenfestivals mit einem klar umrissenen Publikum traf das besonders hart, weil sie ein schlechtes Jahr nicht über neue Zielgruppen ausgleichen können.
Dass Amphi diese Jahre überstanden hat, liegt nicht zuletzt an der Treue des Publikums. Ein Teil der Besucherinnen und Besucher kommt seit den ersten Ausgaben, ein anderer ist über die Clubabende der Szene nachgewachsen. Auf dem Gelände sieht man beides nebeneinander: Leute, die von Anfang an dabei waren, und Leute, die damals noch zur Schule gingen.
Auch das gehört zum Bild: Die schwarze Szene ist eine der wenigen Jugendkulturen, die ihre Anhänger nicht mit vierzig verliert. Das hat mit Musik zu tun und mit einer Ästhetik, die Alter nicht als Makel behandelt. Es hat aber auch damit zu tun, dass diese Szene ihre eigenen Räume betreibt – Clubs, Partyreihen, Läden – und sich nicht darauf verlässt, dass der Mainstream sie mitversorgt.
Der Vorverkauf für 2027 steht schon
Die Veranstalter nennen für die nächste Ausgabe bereits ein Datum: den 24. und 25. Juli 2027, wieder am Tanzbrunnen. Karten laufen über den Shop des Festivals; den Vorverkaufsstart kündigen die Veranstalter unmittelbar nach dem Festivalwochenende an. Wer im Herbst überlegt, ob er hinwill, findet erfahrungsgemäß nur noch die teureren Kategorien.
Wie das Wochenende aussieht, lässt sich schon jetzt nachsehen: koeln.de hat eine Fotostrecke vom Samstag veröffentlicht, aufgenommen von Helmut Löwe. Sie zeigt das, was Zahlen nicht zeigen: Menschen, die sich für einen Nachmittag im Park angezogen haben, als hinge etwas davon ab. Genau das ist der Punkt. Wer Aufwand betreibt, gehört dazu – nicht, wer die richtige Platte kennt.
Besucherzahlen nennen die Veranstalter bislang nicht, und ein Vergleich mit früheren Jahren lässt sich deshalb nicht seriös ziehen. Bei einem zweitägigen Open Air auf einem umzäunten Gelände sagt die Zahl ohnehin weniger aus als die Frage, ob am Sonntagabend noch dieselben Leute da sind wie am Samstagmittag.
Am Sonntagabend wird das Gelände geräumt, die Traversen kommen runter, und am Montag ist der Rheinpark wieder ein Rheinpark. Die Frage, die dann offen bleibt, stellt sich jedes Jahr an derselben Stelle: Wie lange trägt eine Szene ein Festival, das größer ist als jeder ihrer Clubs – und was passiert mit den Clubs, wenn es ausfällt? In diesem Jahr stellt sie sich noch nicht. Das Datum für 2027 steht ja schon.




